christian ruf, dresdner neueste nachrichten, deutcshland (2017) — Trad.Attack!

christian ruf, dresdner neueste nachrichten, deutcshland (2017)

Alte Melodien, zeitgenössische Arrangements: Trad. Attack! in der Tonne

Wenn ein Lied mit „Ää-ää-ää-äh" aufwartet, dann wird sich so mancher vermutlich fragen, ob die avantgardistischgewitzte Gruppe Trio mit ihrem dekonst- ruktiven Ansatz ein Revival erlebt, die auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle mit „Da Da Da“ die Charts stürmte. Doch es war die Gruppe Trad. Attack!, die am Freitagabend im Jazzclub Tonne auf- spielte und dabei auch ein estnisches Wiegenlied spielte: Man wünscht dem Kind schöne lYäume und einen guten Schlaf, dabei - als Kehrreim - auch „Ää- ää-ää-äh" summend.

Bei Trad. Attack! handelt es sich um ein Trio, bestehend aus drei befreundeten Musikern: und zwar Sandra Varbana, Jal- mar Varbana und Tonu Thbli. Sie sind die Shootingstars der estnischen Folkszene, was in einem kleinen Land vielleicht leichter ist, was man aber auch erst mal hinkriegen muss. Das Wiegenlied ist nicht typisch für den Sound von Trad, Attack! In der Regel klingt es, als hätte man die wilden frühen Folkpunk-Pogues um Frontmann Shane McGowan mit einer heißen Balkan-Kapelle gekreuzt, das Ganze hier und da auch noch mit Samples unterlegt, wobei alte Archiv-Tonaufnahmen traditioneller Lieder als Basis dienen.

Da ist dann auch schon mal Jalmar Varbanas Ur-Urgroßmutter Anne Vabar- na zu hören, die eine bekanntesten Folksängerinnen Estlands war, wobei die Familie Varbana zum Volksstamm der Setu gehört, einer kleinen Bevölkerungsgruppe, die vornehmlich im Süden Estlands angesiedelt und für eine ganz eigene Kultur inklusive besonderem „leiernden" Gesangsstil bekannt ist, jedenfalls im Baltikum. Wenn wiederum Sandra Varbana singt, dann wird die Stimme soundtechnisch ganz bewusst oft verzerrt. Es wird oft magisch. Wenn ein Regisseur jemals einen Soundtrack suchen sollte, um etwa die Walpurgisnacht-Szene aus

Goethes Faust akustisch zu unterlegen, beim Liedgut von TYad. Attack! wird er fündig.

Zum Instrumentarium gehören zwölf- saitige Gitarre, Dudelsack, Glockenspiel, Maultrommel, eine kleine Zither, eine Art Flöte und Schlagzeug, auf das Tübli brachial wie genial einzudreschen weiß. Ein Lied ist zehn Minuten lang (!), weil es zur Grundüberzeugung der Musiker gehört, einem „Lied die Zeit zu geben, die es braucht", wie Bandleaderin Sandra Varbana die Zuhörer wissen ließ. In dem Opus geht es um Schlangen, wie überhaupt in den estnischen Volkshedem viel von Heren die Rede ist, Vor allem der

Wolf taucht immer wieder auf, wobei die Lieder deutlich machen, dass auch im Baltikum Wölfe eher nicht gut gelitten waren.

Fazit: Traditionelle Volksmusik ist sicherlich der Ausgangspunkt für Trad, Attack!, aber das Trio geht weit über die traditionellen Grenzen des Genres hinaus. Die zeitgenössischen Arrangements mit ihren mitreißenden pulsierenden Rhythmen, die die alten Weisen verpasst bekamen, überzeugten in jeglicher Hinsicht. Wenn noch andere Bands für derartige Frischluftzufuhr sorgen, dann braucht einem um die Zukunft der estnischen Folklore nicht Bange zu sein.

Weltmusik/Folk/Mittelalterrock